Psychotherapeutische Praxis Jörg Stenzel
Psychotherapeutische PraxisJörg Stenzel
Was ist unter einer Verhaltenstherapie zu verstehen?

Unter dem Begriff der Verhaltenstherapie (VT) wird eigentlich ein ganzes Spektrum von Methoden, Techniken, Formen und Verfahren aus der Psychotherapie zusammengefasst. Allen Formen ist gemeinsam, dass die Hilfe zur Selbsthilfe für den Patienten im Mittelpunkt steht: Zunächst soll der Patient Einsicht in die Ursachen und Entstehungsgeschichte seiner Probleme erhalten, danach sollen ihm Methoden an die Hand gegeben werden, mit denen er lernen kann, zukünftig besser zurecht kommen.

Allen verhaltenstherapeutischen Methoden liegen folgende allgemeine Prinzipien zugrunde (orientiert an Margraf, J. & Schneider, S. (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen. Berlin: Springer.):

1. Verhaltenstherapie orientiert sich an der empirischen Psychologie, d.h. sie versucht ständig, ihre Annahmen, Theorien und Methoden zu objektivieren, wissenschaftlich zu überprüfen und an die neuesten Erkenntnisse der Forschung anzupassen.

2. Verhaltenstherapie ist problemorientiert, d.h. die Behandlung setzt in der Regel an der gegenwärtig bestehenden Problematik ("im Hier und Jetzt") an. Dabei wird zunächst auf bewährte allgemeine Techniken zu bestimmten Störungsbildern zurückgegriffen, die aber individuell auf den Patienten und seine Problematik angepasst werden.

3. Entsprechend der sogenannten "Makroanalyse" versucht die Verhaltenstherapie folgende drei Faktoren für jede Störung bzw. jede problematische Verhaltensweise gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten: (A) prädisponierende, d.h. im Vorfeld vor Ausbruch der Störung bereits "hinführende", "anbahnende" Bedingungen; (B) auslösende Bedingungen, die das erste Auftreten bestimmt haben und (C) aufrechterhaltende Problembedingungen, d.h. Faktoren, die dazu geführt haben, dass der Betroffene das Verhalten nicht von alleine verändert hat oder verändern konnte, obwohl es mittel- und langfristig deutlich negative Folgen hatte.

4. Verhaltenstherapie ist zielorientiert, d.h. zu Therapiebeginn werden von Therapeut und Patient gemeinsam die Probleme identifiziert sowie die zu erreichenden Therapieziele festlegt. Dadurch ist die Therapie auch strukturiert und in ihren Fortschritten für Patient wie Therapeut überprüfbar und bewertbar.

5. Verhaltenstherapie ist handlungsorientiert: Die Verhaltenstherapie setzt eine aktive Beteiligung des Patienten voraus. Die Verhaltenstherapie motiviert unter anderem den Patienten zum aktiven Erproben von neuen Verhaltens- bzw. Erlebensweisen und Problemlösestrategien. Dazu werden sogenannte "Hausaufgaben" sowie Übungen und Erprobungen im Alltag verwendet.

6. Verhaltenstherapie ist nicht auf das therapeutische Setting begrenzt, d.h. sie strebt eine Generalisierung der erzielten Änderungen auf den Alltag des Patienten an. Das therapeutische Setting und eine gute therapeutische Beziehung bieten die Möglichkeit, verändertes Verhalten und Erleben in einem geschützten Rahmen zu erfahren und einzuüben. Gleichzeitig ist es notwendig, dass der Patient neu erworbene Strategien regelmäßig zwischen den Sitzungen ausprobiert und übt.

7. Verhaltenstherapie ist transparent: Verhaltenstherapie setzt auf den aufgeklärten, aktiven Patienten. Das Geben eines plausiblen Erklärungsmodells für die vorliegende Störung und das verständliche Erklären aller Aspekte des therapeutischen Vorgehens sind Bestandteile der Verhaltenstherapie, die das legitime Bedürfnis der Patienten nach dem Verstehen ihrer Lage erfüllen und zu einer erhöhten Akzeptanz der Therapiemaßnahmen sowie zur Prophylaxe von Rückfällen beitragen.

8. Verhaltenstherapie soll „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein: Über die Erhöhung der allgemeinen Problemlösefähigkeit und über das transparente Ableiten des therapeutischen Vorgehens aus einem Störungsmodell werden den Patienten generelle Fertigkeiten zur selbständigen Analyse und Bewältigung zukünftiger Probleme vermittelt.

9. Verhaltenstherapie bemüht sich um ständige Weiterentwicklung: Durch die Orientierung der Verhaltenstherapie an der empirischen Psychologie unterliegen sowohl ihre theoretische Konzepte als auch ihre praktischen Behandlungsmethoden einem permanenten Prozess der Evaluation und Ausdifferenzierung und somit einer ständigen Weiterentwicklung.