Psychotherapeutische Praxis Jörg Stenzel
Psychotherapeutische PraxisJörg Stenzel
Was ist der Unterschied von Heilpraktiker, Psychologe, Psychotherapeut, Psychiater,...?

Leider ist das deutsche Gesundheitssystem im Bereich der Psychotherapie sehr verwirrend. Ich möchte versuchen, Ihnen im Folgenden die wichtigsten Titel und Bezeichnungen zu erläutern, mit denen Sie auf der Suche nach einem Therapeuten zu tun bekommen können (der Einfachhalber verzichte ich immer auch die jeweils noch mögliche weibliche Form aller Titel):

Psychologe

Dieser Titel ist leider nicht geschützt. Trägt er aber einen Universitätsabschluss dabei, so kann man sicher sein, dass die betreffende Person Psychologie an einer Universität studiert hat. Früher waren dies zumeist Diplom- oder Magister-Abschlüsse, heute findet man Bachelor- und Master-Abschlüsse. Ein abgeschlossenes Psychologiestudium alleine berechtigt aber noch nicht dazu, psychotherapeutisch tätig zu werden!

Psychotherapeut

Es gibt zwei Arten von Psychotherapeuten: psychologische Psychotherapeuten und ärztliche Psychotherapeuten. Beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie nach dem abgeschlossenen Psychologie- bzw. Medizinstudium noch eine mehrjährige, praktisch orientierte Ausbildung in Psychotherapie gemacht haben, die mit einer staatlichen Prüfung abschließt. Diese nennt sich „Approbation“. (Bei den Ärzten handelt es sich bei dieser Ausbildung meistens um ihren „Facharzt“, der eine Weiterbildung nach dem Studium darstellt und ihre Spezialisierung angibt. Dies kann entweder der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sein. Seltener gibt es noch sogenannte fachgebundene ärztliche Psychotherapeuten, die ausschließlich psychische Erkrankungen, die mit ihrem eigenen Fachgebiet zu tun haben, behandeln.) In der Behandlungsform unterscheiden sich ärztliche und psychologische Psychotherapeuten kaum. Allerdings dürfen ärztliche Psychotherapeuten zusätzlich zu den psychotherapeutischen Gesprächen auch Medikamente zur Behandlung von psychischen Erkrankungen (Psychopharmaka) verschreiben. Dies kann unter bestimmten Umständen eine sinnvolle Ergänzung zur Psychotherapie sein. Aus diesem Grund sollte der psychologische Psychotherapeut möglichst gut mit dem Hausarzt oder einem mitbehandelnden Psychiater zusammenarbeiten (Das Einverständnis des Patienten dazu natürlich vorausgesetzt). Dann können gegebenenfalls nötige Medikamente von diesen als Therapieergänzung verschrieben werden.

Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche

Hier gibt es eine kleine Besonderheit: wie oben handelt es sich um eine vergleichbare Ausbildung entweder in VT oder PA/TP, die mit der staatlichen Prüfung endet und nach der man die Approbation erhält. Allerdings sind zu dieser Ausbildung neben Ärzten und Psychologen auch noch Pädagogen zugelassen. Übrigens darf ein approbierter Erwachsenen-Psychotherapeut (auf Antrag bei der Krankenkasse) auch Kinder und Jugendliche behandeln, umgekehrt ist dies dem Kinder- und Jugendtherapeuten aber nicht gestattet.

Psychotherapeut mit und ohne Kassensitz

Psychotherapie ist eine von den gesetzlichen Krankenkassen garantierte Leistung, auf die jeder Versicherte im Bedarfsfall Anspruch hat (in diesem Umfang ist dies übrigens in keinem anderen Land der Welt der Fall!). Hierfür wollen die Krankenkassen eine entsprechend hohe Behandlungsqualität gewährleisten und haben seit 1999 die Approbation entsprechend des oben dargestellten Ausbildungsweges zur Bedingung gemacht, damit die Leistung von ihnen übernommen wird. Alle seitdem neu zugelassenen Psychotherapeuten sind daher entweder Psychoanalytiker, Tiefenpsychologen oder Verhaltenstherapeuten. Durch eine Übergangsphase sind aus der Zeit davor noch einige andere Psychotherapeuten ebenfalls in den Genuss der Zulassung durch die gesetzlichen Krankenkassen gelangt, diese werden jedoch zunehmend weniger und schrittweise durch den Ruhestand „aussterben“. 
Die Approbation alleine ermöglicht aber noch nicht die Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen. Diese haben, um das Angebot zu begrenzen (ähnlich wie in anderen ärztlichen Fachrichtungen) sogenannte "Kassensitze" eingeführt, deren Mange sie regional festsetzen und (aus gesundheitspolitischen wie ökonomischen Gründen) künstlich knapp halten (offiziell wird deren Anzahl am Bedarf orientiert, zahlreiche Untersuchungen der Psychotherapeutenkammer sowie von Berufsverbänden belegen jedoch das Gegenteil). Durch diese Verknappung der Kassensitze kommt es auch zu den langen Wartezeiten, wenn Sie als Patient sich um einen Therapieplatz bemühen. Ein neu approbierter Psychotherapeut kann nur dann einen Kassensitz erwerben, wenn er entweder in eine sehr unattraktive Region zieht, in der ein Mangel an Psychotherapeuten besteht, oder indem er den Sitz eines ausscheidenden Kollegen erwirbt. Aufgrund des Mangels an Kassensitzen kommt es zu einem Wettbewerb um Sitze in begehrten Regionen. Die Vergabe dieser Sitze wird zudem sehr unterschiedlich von den Landes-Kassenärztlichen-Vereinigungen gehandhabt. Oft spielt dabei nicht die Qualifikation oder Erfahrung der Bewerber eine Rolle, sondern der Vorgänger, der seinen Sitz abgibt, darf den Nachfolger bestimmen, was dann oft dazu führt, dass derjenige Nachfolger zum Zuge kommt, der einfach das meiste Geld geboten hat...

Psychiater

Psychiater sind immer Ärzte. Heutzutage haben diese eine Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie gemacht, in der auch das Erlernen eines psychotherapeutischen Verfahrens enthalten ist. Nach dem Erwerb des Facharztes können die Ärzte sich entscheiden, ob sie entweder als ärztlicher Psychotherapeut tätig sein wollen (s.o.) oder als niedergelassener Psychiater. In der Regel steht beim Psychiater die Behandlung mit Medikamenten und eine stützende therapeutische Begleitung im Vordergrund, was nur Gespräche in größeren Zeitabständen und von kürzerer Dauer zulässt. Viele Patienten, die dauerhaft unter psychischen Erkrankungen leiden, werden hier langfristig versorgt und betreut, ähnlich wie von einem Hausarzt. Aber auch in Krisensituationen und für eine erste Abklärung, ob beispielsweise ein Medikament benötigt wird oder man eine Psychotherapie benötigt, ist ein Psychiater der richtige Ansprechpartner. Die älteren psychiatrisch tätigen Ärzte sind noch meist „Fachärzte für Nervenheilkunde“. Sie haben eine Weiterbildung zum Psychiater und Neurologen absolviert, aber keine spezielle psychotherapeutische Ausbildung. Der Facharzt für Nervenheilkunde kann heute nicht mehr erworben werden.

Psychoanalytiker / Tiefenpsychologe / Verhaltenstherapeut

Die oben erwähnte mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten unterscheidet sich danach, welche Therapieschule der Ausbildungskandidat gewählt hat: In der Psychotherapie gibt es bislang nicht „die eine wahre“ Sicht der Psyche und „die eine richtige Form zur Behandlung“. Zwar werden die unterschiedlichen Erkrankungen (z.B. Depression, Ängste, Sucht,…) weltweit einheitlich beschrieben und klassifiziert (derzeit nach ICD-10-GM der WHO). Wie man solche Erkrankungen aber am effektivsten behandelt und welche Methoden und Techniken dabei verwendet werden sollten, darüber sind sich die Fachleute keineswegs einig. Entsprechend weit ist auch hier das Feld der Therapieschulen. Nur sehr wenige bestehen die strengen Anforderungen an wissenschaftliche Überprüfung und einheitliche Qualität in ihren Ausbildungen, um anerkannt zu werden. Derzeit sind dies nur die Psychoanalyse und ihre weiterentwickelte Form, die Tiefenpsychologie, sowie die Verhaltenstherapie, es könnten gegebenenfalls bald noch die Gesprächstherapie, Gestalttherapie und die Systemische bzw. Familientherapie hinzukommen.
Teilweise benutzen Psychotherapeuten daher entsprechend ihrer Ausrichtung in der Therapieausbildung auch die Bezeichnung „Psychoanalytiker (PA), Tiefenpsychologe (TP) oder Verhaltenstherapeut (VT).“ Diese Titel sind zwar auch nicht geschützt, wenn jemand allerdings diese Ausbildung abgeschlossen hat (und nicht nur „tiefenpsychologisch oder verhaltenstherapeutisch arbeitet“, wie öfters im Internet zu lesen ist!), kann vorausgesetzt werden, dass es sich um einen Arzt oder Psychologen handelt und die Ausbildung auch mit der staatlichen Prüfung abgeschlossen wurde, so dass der Betreffende approbiert ist.

Paartherapeut / Gestalttherapeut / Familientherapeut / Gesprächstherapeut ….

Alle anderen Therapieschulen sind derzeit nicht zur Approbation zugelassen und entsprechend vielfältig sehen die Ausbildungsgänge der einzelnen Institute aus. Teilweise wird versucht, die Ausbildungskandidaten an ähnliche hohe Standards heranzuführen wie in den Ausbildungen zu PA, TP oder VT, teilweise handelt es sich aber auch um wenig strukturierte und allgemein zugängliche Seminarangebote, die jeder interessierte Laie (der die Ausbildung zu bezahlen bereit ist) besuchen kann. Die nach einer solchen Schulung erhaltenen „Titel“ sind nicht geschützt, mitunter sehr kreativ und geben leider keine verlässlichen Angaben über die Qualität einer solchen Behandlung.

Heilpraktiker für Psychotherapie

Heilpraktiker mit Vollzulassung dürfen rechtlich gesehen körperliche und seelische Leiden feststellen und eine eigene Therapie auch mit körperlichen Behandlungen durchführen, wofür sie häufig Methoden der Naturheilkunde oder der Alternativmedizin anwenden. Heilpraktiker verfügen nie über eine Approbation. Sie haben für ihre Berufsbezeichnung nur Kurse an Heilpraktikerschulen absolviert und am Ende eine stattliche Prüfung abgelegt, die zum Führen dieses Titels berechtigt. Daneben gibt es auch „Heilpraktiker für Psychotherapie“, die auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkt sind („kleine Heilpraktiker“). Das Studium der Psychologie mit Diplom oder Master-Abschluss berechtigt sogar ohne zusätzliche staatliche Prüfung dazu, als "Heilpraktiker für Psychotherapie" tätig zu werden, obwohl also gar keine psychotherapeutischen Kenntnisse erlangt wurden. Anders als bei der Psychotherapieausbildung gibt es keine Regelungen, wer die Ausbildung besuchen darf, so dass auch keine Vorkenntnisse oder Qualifikationen nötig sind. Die Arbeit von Heilpraktikern unterliegt auch keiner berufsrechtlichen Aufsicht. Heilpraktiker können zur Lebensberatung, bei Fragen zur Lebensführung oder zum Coaching sowie zur Vorbeugung von psychischen Erkrankungen einen sinnvollen Beitrag leisten. Die Behandlung einer ernsten und tiefgehenden psychischen Störung sollte aber aufgrund der oben beschriebenen Mängel und Unsicherheiten nicht von Heilpraktikern vorgenommen werden! Zudem zahlen die gesetzlichen Krankenkassen auch nicht für diese Angebote. Heilpraktiker dürfen sich nicht als Psychotherapeuten bezeichnen. Irreführenderweise lautet der Titel dieses Heilpraktikers aber dennoch „Heilpraktiker (Psychotherapie)“ und zur Verschleierung nennen sie ihre Praxis gerne „Heilpraxis für Psychotherapie“ o.ä.

Therapeut oder Berater

Die Begriffe „Therapeut“ oder „Berater“ sind nicht geschützt und werden entsprechend gerne immer dann benutzt, wenn es sich um Angebote handelt, die außerhalb der oben beschriebenen Qualifikationen liegen. Beide Begriffe eignen sich wunderbar für Wortkombinationen und –zusammensetzungen, was die Verwirrung des Hilfe suchenden Laien erhöht und die mangelnde Qualifizierung verschleiert: "Krisenberater", "Notfallberater", "therapeutischer Begleiter", "Berater für Lebensfragen", "Fachtherapeut für...", etc.

Seelsorger und (christlicher) Lebensberater

In Bezug auf Ausbildung und Qualifikation gilt hier das gleiche wie oben bereits dargestellt in Bezug auf die Titel "Therapeut", "Berater", "Heilpraktiker" und "sonstigen Therapieschulen": Es gibt keine gesetzlichen Regelungen, keine Kontrolle der Angebote und daher auch oft keine Zugangseinschränkungen für die Ausbildung (Schulausbildung, vorangegangenes Hochschulstudium oder Berufserfahrung). Entsprechend sind solche Leistungen auch immer privat zu finanzieren, sofern sie nicht durch eine Gemeinde oder kirchliche Institution getragen und kostenfrei angeboten werden.
Diese Angebote sind sicherlich sinnvoll und hilfreich, wenn Menschen in Glaubenskrisen sind und sich spirituell nach Unterstützung und Begleitung sehnen. Wenn es dabei aber nicht mehr nur um spirituelle Probleme oder allgemeine Fragestellungen zu Lebensführung, Lebenssinn und Lebensberatung geht, sondern wenn Symptome einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung vorliegen, sollte dringend eine Fachperson auf diesem Gebiet hinzugezogen werden!! Zumindest eine psychologische oder ärztliche Abklärung der Symptome sollte unbedingt erfolgen, um Verschlechterungen oder Chronifizierungen der psychischen Erkrankung zu verhindern und eine angemessene Behandlung sicherzustellen (die darüber hinaus als Leistung der Krankenkasse auch kostenfrei ist).
Weitere Informationen hierzu finden Sie auch auf der folgenden Internetseite "Therapie und Glaube".