Psychotherapeutische Praxis Jörg Stenzel
Psychotherapeutische PraxisJörg Stenzel
Psychotherapie und (christlicher) Glaube

Ich bin Christ und bin Mitglied der evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau. Mein Glaube stellt für mich Lebensgrundlage und Lebensmitte, Richtschnur, Ziel und Herausforderung zugleich dar. Ich versuche meinen Glauben authentisch im Alltag zu leben und zu praktizieren. Aber ich versuche nicht, diesen anderen Leuten aufzudrängen oder gar überzustülpen. Psychotherapie ist für mich kein "Missionsfeld", sondern Ort gelebter Diakonie, also Unterstützung und Hilfe von Kranken und Bedürftigen je nach Ihren Bedürfnissen, Wünschen und Vorgaben. Ich werde mit keinem Patienten, der dies nicht selber wünscht, über Glauben, Spiritualität oder christliche Moral sprechen.

Da ich mich selber als Christ verstehe, erhalte ich regelmäßige Anfragen zu einer christlichen Therapie. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne zu drei Dingen - aus meiner persönlichen und damit subjektiven Sicht - Stellung beziehen, da ich mit Ansichten oder Konflikten in diesen Bereichen öfters konfrontiert bin.

1. Das Verhältnis von Seelsorge und Psychotherapie

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt in frommen Kreisen Psychotherapie als fragwürdig, verdächtig oder gar religionsfeindlich. Infolgedessen wurde empfohlen, statt einer psychotherapeutischen oder psychopharmakologischen Behandlung lieber in Seelsorge zu gehen. Das erscheint mir eine unzulässige Vereinnahmung psychischer Themen durch die Religion zu sein. Ich halte die Bereiche Körper, Psyche und Seele für eigenständig, wenngleich sicherlich miteinander verbunden durch Wechselwirkungen (vergleichbar mit drei Kreisen, die sich an ihren Grenzen jeweils mit Schnittmengen überlappen). Entsprechend den drei Bereichen Körper-Psyche-Seele sollten die zuständigen Spezialisten hierzu konsultiert und um Hilfe gebeten werden, also Mediziner-Psychologe-Theologe/Seelsorger. So, wie ein jeder Christ bei Zahnschmerzen einen Zahnarzt aufsuchen sollte, so sollte ein jeder Depressiver zu einem Psychotherapeuten oder Psychiater gehen, da dies die Fachleute auf dem Gebiet des Psychischen sind. Und umgekehrt sollten Psychologen sich in den Bereichen von Spiritualität, Transzendenz und Religiosität zurückhalten und derartige Themen nicht vorschnell "psychologisieren" (wenngleich es spannend und auch bereichernd sein kann, sich zahlreiche Phänomene aus dem Glaubensleben einmal mit einer "psychologischen Brille" zu betrachten - unvoreingenommen und neutral).

2. Heil versus Heilung

Entsprechend der oben dargestellten psychologiekritischen bis -feindlichen Einstellung in zahlreichen Gemeinden früher wurden als Ursachen für psychische Erkrankungen häufig eine Glaubenskrise, eine "sündige Lebensführung"oder Probleme in der Beziehung zu Gott angesehen. Diese Sichtweise finde ich nicht nur falsch, sondern sie führt bei zahlreichen psychisch Leidenden zu einem noch viel höherem Leidensdruck und wirkt somit kontraproduktiv. Sie suggeriert, wenn man nur "richtig" glaubt und "gottesfürchtig lebt", so sei man vor körperlichem wie psychischem Leid bewahrt. Dies entspricht nicht meinem Glaubensverständnis. Ich bin überzeugt, dass Gott einem jedem, der dies wünscht, das Heil verspricht, also die Sündenvergebung und das ewige Leben nach dem Tod in einer anderen Welt und Realität. Dieses Heil sagt Gott uns Menschen zu, und zwar allein aus Gnade, also ohne dass wir dafür Gegenleistungen zu erbringen haben. Allein der Glaube und das Annehmen dieses Geschenkes genügen dafür. Dieses Heil ist für mich aber nicht gleichbedeutend mit der Zusage einer körperlichen wie psychischen Gesundheit, also einer Heilung von allen Gebrechen. Es gibt zwar zahlreiche biblische Belege und ebenso zahlreiche aktuelle Berichte von (medizinisch nicht erklärbaren) Heilungen durch Glauben (also Wunder), aber eine "Garantie" darauf haben wir nicht. Eine solche käme einem Automatismus gleich, der - wie jeder Gläubiger bereits vielfach erfahren haben dürfte - auch bei anderen Gebetsanliegen nicht eintritt.

3. Kommt für einen Christen nur ein gläubiger Therapeut in Frage?

Es ist verständlich, wenn „gläubige Menschen“ sich einen ebenfalls „gläubigen Therapeuten“ wünschen, der ihre Ansichten, Überzeugungen und Glaubenserlebnisse nachvollziehen kann. Lange Zeit galt die Psychologie als „kirchenfeindlich“, so dass gläubige Patienten teilweise immer noch Vorbehalte haben, sich einem Psychotherapeuten anzuvertrauen. Dies ist aber leider oft nicht möglich, da christliche Psychotherapeuten eher selten zu finden sind und viele sich nach Außen auch nicht als solche "zu erkennen geben".

Bevor Sie daher auf eine fachlich kompetente Behandlung verzichten oder in Ihrer Unsicherheit wertvolle Behandlungszeit verstreichen lassen, rate ich Ihnen unbedingt, zunächst zu einem Ihnen sympathischen Therapeuten zu gehen, auch wenn dieser "nur" weltlich ist und Ihnen nicht als gläubiger Christ erscheint. Ich möchte Sie ermutigen, im Rahmen der probatorischen Sitzungen bei diesem auch ihren Glauben offen anzusprechen und ihren Behandler auf seine Einstellung zu diesem Thema zu befragen. Untersuchungen im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) haben schon vor längerer Zeit belegt, dass die Mehrheit der Psychotherapeuten, selbst wenn sie nicht gläubig ist, den Glauben als Ressource des Patienten positiv bewerten und z. T. auch in die Therapie einbezieht, jedenfalls aber nicht kritisch oder feindlich diesen während der Therapie zu „bekämpfen“ versucht.

Wie oben bereits ausgeführt, stehen Körper, Psyche und Seele (hier gemeint als Sitz des Glaubens und der Beziehung zu Gott) zwar in ständiger Wechselwirkung zueinander, sind aber dennoch zunächst als eigenständige Bereiche anzusehen, für die es jeweils eine eigene „Fachkraft“ gibt. Ich halte es immer noch für wesentlich besser, einen qualifizierten Atheisten in Bezug auf meine psychischen Probleme aufzusuchen als einen hochreligiösen Quacksalber. Schließlich werden sie bei ihrem Hausarzt oder einem Chirurgen auch nicht seinen Glauben zur Bedingung einer notwendigen Behandlung machen! Eine weitere Möglichkeit könnte es sein, parallel zur psychologischen Behandlung einen Seelsorger zu besuchen und auf diese Weise mögliche geistliche Aspekte der Therapie dort zu bearbeiten und zu vertiefen.